Functional Requirements for Bibliographic Records

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Die Functional Requirements for Bibliographic Records (abgekürzt: FRBR, deutsch: Funktionale Anforderungen an bibliographische Datensätze) sind ein Datenmodell für bibliographische Metadaten, das als Grundlage für Regelwerke ein Entity-Relationship-Modell (ERM) empfiehlt, um auf diese Weise die Nutzerbedürfnisse bei der Recherche optimal befriedigen zu können.

Wichtig ist festzuhalten, dass die FRBR selbst kein Regelwerk und kein Datenformat sind, sondern eben "nur" ein Datenmodell, eine theoretische Grundlage.

Das internationale Regelwerk Resource Description and Access nutzt beispielsweise die FRBR als seine Grundlage. Andere Regelwerke und Formate, wie die AACR, RAK oder PI unterscheiden sich in dieser Hinsicht grundsätzlich von RDA, sie beziehen sich nicht auf die FRBR.

Die Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR) bilden dabei einen Teil eines "Functional Requirements-Universums": Neben den Anforderungen an bibliographische Datensätze existieren auch Functional Requirements for Authority Data (FRAD) und Functional Requirements for Subject Authority Data (FRSAD).

FRBR.jpg

Hintergrund und Ziel der FRBR

Die Functional Requirements for Bibliogrphic Records (FRBR) wurden im Rahmen einer Studie der IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) formuliert. Die "IFLA Study Group on the Functional Requirements for Bibliographic Records" setzte sich aus Experten der größten Bibliotheken der Welt zusammen (Library of Congress, Bibliothèque Nationale de France, University of California, University of Toronto, Médiathèque des Sciences Paris, ...) und gab bereits 1998 eine erste Version der FRBR heraus, die 2008/2009 nochmals überarbeitet wurde.

Die Studie diente der Untersuchung, welche Anforderungen heute von Benutzern an bibliographische Daten gestellt werden, um bei der Literatursuche schnell und komfortabel sinnvolle Suchergebnisse zu erhalten. Diese Frage hat bereits Generationen von Denkern des Bibliothekswesen beschäftigt, durch die Möglichkeiten moderner elektronischer Kataloge wurden die bisherigen Herangehensweisen allerdings entscheidend erweitert.

Benutzeranforderungen

Wichtiges Ziel des FRBR-Modells ist die Strukturierung bibliographischer Daten im Sinne der Benutzeranforderungen oder anders formuliert: Wie müssen die Metadaten erfasst und gegliedert sein, damit die Nutzerbedürfnisse optimal erfüllt werden können?

Die der Studie zugrundeliegenden Nutzerbedürfnisse sind:

  • Finden (find), d.h. das Auffinden von Informationen
  • Identifizieren (identify), d.h. bestätigen, dass das Gefundene dem Gesuchten entspricht
  • Auswählen (select) und
  • Zugang erhalten (obtain).

Sinnvolle Suchergebnisse

Das zweite Ziel der FRBR ist die Lieferung sinnvoller Suchergebnisse, eine elementare Anforderung an jeden Katalog. Damit einher geht die Forderung, dass bibliographische Einheiten im Katalog nicht wie bisher linear untereinander in einer Trefferliste angezeigt werden sollen. Vielmehr sollen die Beziehungen zwischen den Titeln (hierarchisch, thematisch oder über Verfasser und Mitwirkende) für die Nutzer im Katalog besser visualisiert werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist eine bessere Verknüpfung der einzelnen Datensätze bei der Erschließung.

Entity-Relationship-Modell als Grundlage der FRBR

Aufbau und Struktur der FRBR orientieren sich am zugrundeliegenden Entity-Relationship-Modell (ERM). Ein ERM dient der Beschreibung, Strukturierung und Organisation von bestimmten Themenbereichen oder Sachverhalten durch Definition von verschiedenen Entitäten (entities), die jeweils durch bestimmte Merkmale oder Attribute beschrieben werden und miteinander in verschiedenen Beziehungen (relations) stehen können.

Nach der Definition der International Cataloguing Principles (ICP) ist eine Entität ein einheitlicher Charakter oder Begriff, Merkmale sind Charakteristika, die einer Entität innewohnen bzw. zugeschrieben werden können. Beziehungen werden definiert als Verbindungen zwischen Entitäten und ihren Instanzen.

Aufbau und Struktur der FRBR

Bibliographische Entitäten der FRBR

Die Functional Requirements for Bibliographic Records unterscheiden drei Gruppen von Entitäten.

Entitätengruppen der FRBR
Gruppe Definition enthaltene Entitäten
Gruppe 1: Produkte intellektueller oder künstlerischer Anstrengungen Werk, Expression, Manifestation, Exemplar
Gruppe 2: Verantwortliche für die intellektuelle oder künstlerische Anstrengung, deren Realisierung oder Schutz Person, Körperschaft
Gruppe 3: thematische Beschreibung von Werken Begriff, Gegenstand, Ereignis, Ort

FRBR legt mit dem zugrundeliegen ERM fest, dass sich bibliographische Daten aus drei Gruppen von Entitäten zusammensetzen, die untereinander durch Relationen verknüpft sein können. Diese Relationen können sowohl Beziehungen zwischen gleichen Entitäten als auch entitätenübergreifende Beziehungen sein.

Bibliographische Entitäten, Merkmale und Beziehungen der Gruppe 1

Die Entitäten der ersten Gruppe liefern bibliographische Daten zu Produkten intellektueller oder künstlerischer Anstrengungen. Sie setzen sich zusammen aus dem Werk (engl. work), der Expression (engl. expression), der Manifestation (engl. manifestation) und dem Exemplar (engl. item). Im englischsprachigen Raum werden sie oft mit der Abkürzung der Anfangsbuchstaben als WEMI bezeichnet.

Entitäten der Gruppe 1
Werk individuelle intellektuelle bzw. künstlerische Schöpfung
Expression intellektuelle bzw. künstlerische Realisierung eines Werks
Manifestation physische Verkörperung einer Expression eines Werks
Exemplar einzelnes Stück einer Manifestation

Diesen Entitäten werden in den Kapitel 4.2 bis 4.5 der FRBR einzelne Merkmale zugewiesen. Dies sind Datenelemente, die Katalogisierer analysieren und in den Datensätzen festhalten sollen.

Merkmale der Entitäten der Gruppe 1
Werk Titel, Form, Datum, andere unterscheidende Eigenschaft, ...
Expression Titel, Form, Datum, Sprache, andere unterscheidende Eigenschaft, ...
Manifestation Titel, Verfasserangabe, Ausgabebezeichnung, Erscheinungsort, Verlag, Erscheinungsjahr, ...
Exemplar Identifikator, Herkunft, Markierungen, Widmungen, Erhaltungszustand, ...

Um das Ziel der differenzierten Darstellung der Treffer einer Suchanfrage im Vergleich zu bisherigen Trefferlisten zu erreichen, werden die Entitäten der Gruppe 1 miteinander in Beziehung gesetzt. Diese Beziehungen zwischen den Entitäten der Gruppe 1 bezeichnet man nach den RDA auch als Primärbeziehungen (vgl. RDA 15.7), oder nach den englischen Begriffen als WEMI-Beziehungen. Dabei ist ein Werk realisiert in einer Expression, die verkörpert ist durch eine Manifestation, die ein Exemplar ist.

Bibliographische Entitäten, Merkmale und Beziehungen der Gruppe 2

Zur zweiten Gruppen gehören die Entitäten Person und Körperschaft. Diese Entitäten sind verantwortlich für intellektuelle oder künstlerische Anstrengungen und damit für die Entstehung der Entitäten der ersten Gruppe.

Die Merkmale der Entitäten der Gruppe 2 sind in den FRBR nur sehr grob festgelegt, da sie in einem eigenen Referenzmodell, den FRAD (Funcitonal Records for Authority Data) genau definiert werden.

Entitäten der Gruppe 2
Entität Definition Beispiele für Merkmale
Person ein Individuum Name, Lebensdaten, Titel, ...
Körperschaft eine Organisation oder eine Gruppe von Individuen bzw. Organisationen Name, Nummer, Ort, Datum, ...

Die Entitäten der Gruppe 2 stehen in sog. Verantwortlichkeitsbeziehungen zu den Entitäten der Gruppe 1. Dabei ist ein Werk geschaffen von, eine Expression realisiert von, eine Manifestation erstellt von und ein Exemplar im Besitz von einer Person oder Körperschaft.

Bibliographische Entitäten, Merkmale und Beziehungen der Gruppe 3

Die Entitäten der dritten Gruppe dienen der thematischen Beschreibung von Werken und bilden damit die Grundlage für den Bereich der verbalen Sacherschließung. Thema bzw. Gegenstand eines Werks können alle Entitäten der Gruppe 1 und 2 sein (z.B. ein Werk über eine Person oder über ein anderes Werk). Darüber hinaus gibt es noch vier zusätzliche Entitäten der Gruppe 3, die für die Sacherschließung verwendet werden können.

Entitäten der Gruppe 3
Begriff ein abstrakter Gedanke bzw. eine Idee
Gegenstand ein physischer Gegenstand
Ereignis eine Tätigkeit oder ein Ereignis
Ort eine geographische Ortsangabe

Diese Entitäten werden ergänzt durch die FRSAD (Functional Requirements for Subject Authority Data) und stehen in Themenbeziehungen (Werk hat ... zum Thema) in Beziehung zu den Entitäten der Gruppe 1.

Beispiel

Eine bestimmte Gesellschaft kann als Körperschaft (z.B. Verein der Vogelfreunde) bei einer Person (z.B. beim Ornithologen Eddy Entenschnabel) die Realisierung ein bestimmten Werkes (z.B. "Zwitscherlaute zwischen Zwiesel und Zwickau - eine akustische Gratwanderung") in Auftrag gegeben haben, das von einem Verlag als weiterer Körperschaft (z.B. Birdy Press) in einer Manifestation (z.B. 1. Auflage 2015) verlegt und von einer Bibliothek (z.B. der Fachbibliothek Zoologie der UB Steinestadt) in 15 Exemplaren für die Lehrbuchsammlung gekauft wurde.

Literatur

  • Deutsche Nationalbibliothek: Funktionale Anforderungen an bibliografische Datensätze. Abschlussbericht der IFLA Study Group on the Functional Requirements for Bibliographic Records. 2009. http://d-nb.info/993023320/34

Weblinks