Serendipität: Unterschied zwischen den Versionen

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(Die Seite wurde neu angelegt: „Serendipität (engl. serendipity) bezeichnet das Glück, eine ungeplante Entdeckung zu machen. Grundvoraussetzung für Serendipität ist das Abkommen vom eigen…“)
 
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Geprägt wurde der Begriff von Horace Walpole, der ihn 1754 in einem Brief an seinen Freund Horace Mann verwendete. Laut eigener Aussage Walpoles ist er dem persischen Märchen The Three Princes of Serendip entlehnt. Serendip ist dabei die von arabischen Händlern gebrauchte Bezeichnung für das heutige Sri Lanka und leitet sich ab von dessen alten Sanskrit-Namen Simhaladvipa. Die Protagonisten des Märchens machen im Verlauf der Handlung immer wieder durch Zufall und aufgrund ihrer Klugheit Entdeckungen, nach denen sie gar nicht auf der Suche waren.  
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Geprägt wurde der Begriff von Horace Walpole, der ihn 1754 in einem Brief an seinen Freund Horace Mann verwendete. Laut eigener Aussage Walpoles ist er dem persischen Märchen The Three Princes of Serendip entlehnt. Serendip ist dabei die von arabischen Händlern gebrauchte Bezeichnung für das heutige Sri Lanka und leitet sich ab von dessen alten Sanskrit-Namen Simhaladvipa. Die Protagonisten des Märchens machen im Verlauf der Handlung immer wieder durch Zufall und aufgrund ihrer Klugheit Entdeckungen, nach denen sie gar nicht auf der Suche waren.
Diese Idee der zufälligen Entdeckungen wurde dann auch in der Wissenschaft in Betracht gezogen. So gibt es viele Beispiele v.a. aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, die beweisen, dass bedeutende Entdeckungen auf reinem Zufall basieren können. Zu nennen wären hier u.a. die Entdeckung der elektrischen Entladung durch Galvani oder der X-Strahlen durch Röntgen.  
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Diese Idee der zufälligen Entdeckungen wurde dann auch in der Wissenschaft in Betracht gezogen. So gibt es viele Beispiele v.a. aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, die beweisen, dass bedeutende Entdeckungen auf reinem Zufall basieren können. Zu nennen wären hier u.a. die Entdeckung der elektrischen Entladung durch Galvani oder der X-Strahlen durch Röntgen.
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Mittlerweile kann man Serendipität wohl schon als Modewort bezeichnen, dass in den unterschiedlichsten Kontexten verwendet wird. So findet es sich z.B. in Reisewerbung und auf dem Londoner Literaturfestival wurde der Begriff bereits im Jahr 2000 zum beliebtesten Wort des Jahres erklärt. Diese Entwicklung hat die Ursprungsbedeutung zunehmend in den Hintergrund gedrängt.  
 
Mittlerweile kann man Serendipität wohl schon als Modewort bezeichnen, dass in den unterschiedlichsten Kontexten verwendet wird. So findet es sich z.B. in Reisewerbung und auf dem Londoner Literaturfestival wurde der Begriff bereits im Jahr 2000 zum beliebtesten Wort des Jahres erklärt. Diese Entwicklung hat die Ursprungsbedeutung zunehmend in den Hintergrund gedrängt.  
 
   
 
   
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Im digitalen Zeitalter geht der Trend immer mehr in Richtung Personalisierung.  Verfügt man über ein entsprechendes Nutzerkonto (falls das überhaupt noch nötig ist), erhält man an die eigenen Interessen und Bedürfnisse angepasste Inhalte. Von der Möglichkeit zufälliger Entdeckungen kann hier keine Rede sein.  
 
Im digitalen Zeitalter geht der Trend immer mehr in Richtung Personalisierung.  Verfügt man über ein entsprechendes Nutzerkonto (falls das überhaupt noch nötig ist), erhält man an die eigenen Interessen und Bedürfnisse angepasste Inhalte. Von der Möglichkeit zufälliger Entdeckungen kann hier keine Rede sein.  
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Denn um Serendipität erleben zu können, muss man über die Bereitschaft verfügen, vermeintlich Unnützes in den Blick zu nehmen und – im Bibliothekskontext – von der zielgerichteten Lektüre abzuweichen. Oft bringen genau jene Texte entscheidende Einsichten hervor, die nichts mit dem ursprünglich recherchierten Thema zu tun haben. Natürlich braucht es dafür auch entsprechend Zeit, die man sich erst einmal nehmen muss.  
 
Denn um Serendipität erleben zu können, muss man über die Bereitschaft verfügen, vermeintlich Unnützes in den Blick zu nehmen und – im Bibliothekskontext – von der zielgerichteten Lektüre abzuweichen. Oft bringen genau jene Texte entscheidende Einsichten hervor, die nichts mit dem ursprünglich recherchierten Thema zu tun haben. Natürlich braucht es dafür auch entsprechend Zeit, die man sich erst einmal nehmen muss.  
  
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„Als Garanten der Informationsfreiheit helfen Bibliotheken dem Zufall auf die Sprünge.“   
 
„Als Garanten der Informationsfreiheit helfen Bibliotheken dem Zufall auf die Sprünge.“   
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So drückt es das „Büro für Zukunftsfragen“ in seiner Onlinepublikation „[https://www.f-21.de/downloads/f21_quarterly_q4_2017.pdf f/21 Quaterly]“ aus, die sich im vierten Quartal 2017 mit dem Zufall auseinandersetzte. Weiter heißt es, dass die Bibliotheken gefordert sind, ihren Nutzer die ganze Informationsbreite zu bieten, statt ihnen durch Personalisierung die Möglichkeit zu nehmen, über ihren Tellerrand hinaus zu blicken.   
 
So drückt es das „Büro für Zukunftsfragen“ in seiner Onlinepublikation „[https://www.f-21.de/downloads/f21_quarterly_q4_2017.pdf f/21 Quaterly]“ aus, die sich im vierten Quartal 2017 mit dem Zufall auseinandersetzte. Weiter heißt es, dass die Bibliotheken gefordert sind, ihren Nutzer die ganze Informationsbreite zu bieten, statt ihnen durch Personalisierung die Möglichkeit zu nehmen, über ihren Tellerrand hinaus zu blicken.   
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Bibliotheken sind also zentrale Orte für Serendipität, denn sie ermöglichen es dem Nutzer, am Regal zu „browsen“. Sucht ein Nutzer einen Titel am Regal, so findet er nebenstehend weitere Titel zum Themenbereich und stößt so ggf. auf überraschende Zusammenhänge oder neue Ansätze, das Thema zu betrachten.
 
Bibliotheken sind also zentrale Orte für Serendipität, denn sie ermöglichen es dem Nutzer, am Regal zu „browsen“. Sucht ein Nutzer einen Titel am Regal, so findet er nebenstehend weitere Titel zum Themenbereich und stößt so ggf. auf überraschende Zusammenhänge oder neue Ansätze, das Thema zu betrachten.
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Allerdings hat das Browsen am Regal erheblich abgenommen. Die Bibliotheksbestände sind zu groß, um vollständig in Freihandregalen im Lesesaal zugänglich gemacht zu werden, weshalb große Teile in Magazinen ausgelagert sind. Größere Institutionen verfügen zudem über mehr als nur ein Bibliotheksgebäude. Auch lassen sich die elektronischen Bestände nur behelfsmäßig im Regal nachbilden, z.B. durch die Hinterlegung von QR-Codes.  
 
Allerdings hat das Browsen am Regal erheblich abgenommen. Die Bibliotheksbestände sind zu groß, um vollständig in Freihandregalen im Lesesaal zugänglich gemacht zu werden, weshalb große Teile in Magazinen ausgelagert sind. Größere Institutionen verfügen zudem über mehr als nur ein Bibliotheksgebäude. Auch lassen sich die elektronischen Bestände nur behelfsmäßig im Regal nachbilden, z.B. durch die Hinterlegung von QR-Codes.  
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Abhilfe schaffen kann man durch die Implementierung virtueller Regale in die Bibliothekskataloge. Dabei wird meist in der Detailansicht eines Titels ein virtuelles Regalbrett angezeigt, auf dem zu beiden Seiten des ausgewählten Titels weitere Titel angezeigt werden, die laut Signatur neben diesem „aufgestellt“ sind.  
 
Abhilfe schaffen kann man durch die Implementierung virtueller Regale in die Bibliothekskataloge. Dabei wird meist in der Detailansicht eines Titels ein virtuelles Regalbrett angezeigt, auf dem zu beiden Seiten des ausgewählten Titels weitere Titel angezeigt werden, die laut Signatur neben diesem „aufgestellt“ sind.  
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Dies ist jedoch nur sinnvoll, wenn damit auch wirklich alle Bestände erfasst werden, egal an welchem physischen Ort sie stehen, nach welcher Systematik sie aufgestellt sind oder ob sie nur elektronisch verfügbar sind.  
 
Dies ist jedoch nur sinnvoll, wenn damit auch wirklich alle Bestände erfasst werden, egal an welchem physischen Ort sie stehen, nach welcher Systematik sie aufgestellt sind oder ob sie nur elektronisch verfügbar sind.  
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Vielfach können virtuelle Regale diesen Ansprüchen noch nicht genügen, da sie bei der Auswertung nur die Standortsignatur eines Klassifikationssystems verwenden. Damit bleiben dann alle Titel, die über keine Standortsignatur nach diesem Klassifikationssystem verfügen, unberücksichtigt. Dies betrifft v.a. nach fortlaufender Nummer aufgestellte Bestände im Magazin und elektronische Ressourcen. Zudem erscheinen die Titel nur an einer Stelle, nämlich der, die ihrem physischen Standort entspricht.   
 
Vielfach können virtuelle Regale diesen Ansprüchen noch nicht genügen, da sie bei der Auswertung nur die Standortsignatur eines Klassifikationssystems verwenden. Damit bleiben dann alle Titel, die über keine Standortsignatur nach diesem Klassifikationssystem verfügen, unberücksichtigt. Dies betrifft v.a. nach fortlaufender Nummer aufgestellte Bestände im Magazin und elektronische Ressourcen. Zudem erscheinen die Titel nur an einer Stelle, nämlich der, die ihrem physischen Standort entspricht.   
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Es gibt jedoch bereits Umsetzungen (z.B. StackLife), die das Problem zu beheben versuchen, indem sie nicht nur die Signatur, sondern auch alle anderen, dem Titel zugeordneten Notationen berücksichtigen. So werden alle Titel erfasst, denen eine Notation zugeordnet ist.  
 
Es gibt jedoch bereits Umsetzungen (z.B. StackLife), die das Problem zu beheben versuchen, indem sie nicht nur die Signatur, sondern auch alle anderen, dem Titel zugeordneten Notationen berücksichtigen. So werden alle Titel erfasst, denen eine Notation zugeordnet ist.  
  
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Entsprechend dem Prinzip der Serendipität stellte der Hamburger Kulturwissenschaftler Aby Warburg die Bücher seiner Bibliothek nach assoziativen Themennachbarschaften auf.  
 
Entsprechend dem Prinzip der Serendipität stellte der Hamburger Kulturwissenschaftler Aby Warburg die Bücher seiner Bibliothek nach assoziativen Themennachbarschaften auf.  
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Ein weiteres Beispiel stellt die [http://www.sitterwerk.ch/kunstbibliothek.html Kunstbibliothek im Sitterwerk] (St. Gallen, Schweiz) dar. Die Buchaufstellung ist dort nicht statisch nach Signaturen geordnet, sondern dynamisch. Die Benutzer können Titel themenspezifisch oder assoziativ in den Regalen gruppieren. Ein nachfolgender Benutzer erhält dann aufgrund der von seinem Vorgänger hinterlassenen Anordnung die Möglichkeit, serendipische Entdeckungen zu machen. Mit Hilfe der RFID-Technologie können eine permanente Inventur durchgeführt und die „verstellten“ Titel wiedergefunden werden.   
 
Ein weiteres Beispiel stellt die [http://www.sitterwerk.ch/kunstbibliothek.html Kunstbibliothek im Sitterwerk] (St. Gallen, Schweiz) dar. Die Buchaufstellung ist dort nicht statisch nach Signaturen geordnet, sondern dynamisch. Die Benutzer können Titel themenspezifisch oder assoziativ in den Regalen gruppieren. Ein nachfolgender Benutzer erhält dann aufgrund der von seinem Vorgänger hinterlassenen Anordnung die Möglichkeit, serendipische Entdeckungen zu machen. Mit Hilfe der RFID-Technologie können eine permanente Inventur durchgeführt und die „verstellten“ Titel wiedergefunden werden.   
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Im digitalen Bereich ist [http://stacklife.harvard.edu/ StackLife], ein Projekt der Harvard Library, ein sehr positives Beispiel, wie man möglichst große Teile des Bestandes in einem virtuellen Regal abbilden und Browsen ermöglichen kann, was wiederrum Zufallsfunde begünstigt. Hier werden die Titel entsprechend ihrer Notationen geordnet in einem stilisierten Bücherstapel abgebildet, wobei die Bibliothek bestrebt ist, auch den elektronischen Beständen Notationen zuzuordnen. Da ein Titel mehrere Notationen haben kann, kann er auch an mehreren Stellen des Stapels gefunden werden. Wird ein Titel ausgewählt, erhält der Nutzer zudem in Form von Hyperlinks eine Auswahl an Themengebieten, denen sich der Titel zuordnen lässt.  Durch diese Zuordnungen eröffnet sich eine weitere Möglichkeit, serendipische Entdeckungen zu machen.
 
Im digitalen Bereich ist [http://stacklife.harvard.edu/ StackLife], ein Projekt der Harvard Library, ein sehr positives Beispiel, wie man möglichst große Teile des Bestandes in einem virtuellen Regal abbilden und Browsen ermöglichen kann, was wiederrum Zufallsfunde begünstigt. Hier werden die Titel entsprechend ihrer Notationen geordnet in einem stilisierten Bücherstapel abgebildet, wobei die Bibliothek bestrebt ist, auch den elektronischen Beständen Notationen zuzuordnen. Da ein Titel mehrere Notationen haben kann, kann er auch an mehreren Stellen des Stapels gefunden werden. Wird ein Titel ausgewählt, erhält der Nutzer zudem in Form von Hyperlinks eine Auswahl an Themengebieten, denen sich der Titel zuordnen lässt.  Durch diese Zuordnungen eröffnet sich eine weitere Möglichkeit, serendipische Entdeckungen zu machen.
  

Version vom 31. Januar 2019, 12:53 Uhr

Serendipität (engl. serendipity) bezeichnet das Glück, eine ungeplante Entdeckung zu machen. Grundvoraussetzung für Serendipität ist das Abkommen vom eigentlichen Weg, wie man es z.B. auch beim absichtslosen Schmökern – sei es in Enzyklopädien oder im Internet – erlebt.


Geschichte

Geprägt wurde der Begriff von Horace Walpole, der ihn 1754 in einem Brief an seinen Freund Horace Mann verwendete. Laut eigener Aussage Walpoles ist er dem persischen Märchen The Three Princes of Serendip entlehnt. Serendip ist dabei die von arabischen Händlern gebrauchte Bezeichnung für das heutige Sri Lanka und leitet sich ab von dessen alten Sanskrit-Namen Simhaladvipa. Die Protagonisten des Märchens machen im Verlauf der Handlung immer wieder durch Zufall und aufgrund ihrer Klugheit Entdeckungen, nach denen sie gar nicht auf der Suche waren.

Diese Idee der zufälligen Entdeckungen wurde dann auch in der Wissenschaft in Betracht gezogen. So gibt es viele Beispiele v.a. aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, die beweisen, dass bedeutende Entdeckungen auf reinem Zufall basieren können. Zu nennen wären hier u.a. die Entdeckung der elektrischen Entladung durch Galvani oder der X-Strahlen durch Röntgen.

Mittlerweile kann man Serendipität wohl schon als Modewort bezeichnen, dass in den unterschiedlichsten Kontexten verwendet wird. So findet es sich z.B. in Reisewerbung und auf dem Londoner Literaturfestival wurde der Begriff bereits im Jahr 2000 zum beliebtesten Wort des Jahres erklärt. Diese Entwicklung hat die Ursprungsbedeutung zunehmend in den Hintergrund gedrängt.


Voraussetzungen und Hindernisse

Im digitalen Zeitalter geht der Trend immer mehr in Richtung Personalisierung. Verfügt man über ein entsprechendes Nutzerkonto (falls das überhaupt noch nötig ist), erhält man an die eigenen Interessen und Bedürfnisse angepasste Inhalte. Von der Möglichkeit zufälliger Entdeckungen kann hier keine Rede sein.

Denn um Serendipität erleben zu können, muss man über die Bereitschaft verfügen, vermeintlich Unnützes in den Blick zu nehmen und – im Bibliothekskontext – von der zielgerichteten Lektüre abzuweichen. Oft bringen genau jene Texte entscheidende Einsichten hervor, die nichts mit dem ursprünglich recherchierten Thema zu tun haben. Natürlich braucht es dafür auch entsprechend Zeit, die man sich erst einmal nehmen muss.


Serendipität in Bibliotheken

„Als Garanten der Informationsfreiheit helfen Bibliotheken dem Zufall auf die Sprünge.“

So drückt es das „Büro für Zukunftsfragen“ in seiner Onlinepublikation „f/21 Quaterly“ aus, die sich im vierten Quartal 2017 mit dem Zufall auseinandersetzte. Weiter heißt es, dass die Bibliotheken gefordert sind, ihren Nutzer die ganze Informationsbreite zu bieten, statt ihnen durch Personalisierung die Möglichkeit zu nehmen, über ihren Tellerrand hinaus zu blicken.

Bibliotheken sind also zentrale Orte für Serendipität, denn sie ermöglichen es dem Nutzer, am Regal zu „browsen“. Sucht ein Nutzer einen Titel am Regal, so findet er nebenstehend weitere Titel zum Themenbereich und stößt so ggf. auf überraschende Zusammenhänge oder neue Ansätze, das Thema zu betrachten.

Allerdings hat das Browsen am Regal erheblich abgenommen. Die Bibliotheksbestände sind zu groß, um vollständig in Freihandregalen im Lesesaal zugänglich gemacht zu werden, weshalb große Teile in Magazinen ausgelagert sind. Größere Institutionen verfügen zudem über mehr als nur ein Bibliotheksgebäude. Auch lassen sich die elektronischen Bestände nur behelfsmäßig im Regal nachbilden, z.B. durch die Hinterlegung von QR-Codes.

Abhilfe schaffen kann man durch die Implementierung virtueller Regale in die Bibliothekskataloge. Dabei wird meist in der Detailansicht eines Titels ein virtuelles Regalbrett angezeigt, auf dem zu beiden Seiten des ausgewählten Titels weitere Titel angezeigt werden, die laut Signatur neben diesem „aufgestellt“ sind.

Dies ist jedoch nur sinnvoll, wenn damit auch wirklich alle Bestände erfasst werden, egal an welchem physischen Ort sie stehen, nach welcher Systematik sie aufgestellt sind oder ob sie nur elektronisch verfügbar sind.

Vielfach können virtuelle Regale diesen Ansprüchen noch nicht genügen, da sie bei der Auswertung nur die Standortsignatur eines Klassifikationssystems verwenden. Damit bleiben dann alle Titel, die über keine Standortsignatur nach diesem Klassifikationssystem verfügen, unberücksichtigt. Dies betrifft v.a. nach fortlaufender Nummer aufgestellte Bestände im Magazin und elektronische Ressourcen. Zudem erscheinen die Titel nur an einer Stelle, nämlich der, die ihrem physischen Standort entspricht.

Es gibt jedoch bereits Umsetzungen (z.B. StackLife), die das Problem zu beheben versuchen, indem sie nicht nur die Signatur, sondern auch alle anderen, dem Titel zugeordneten Notationen berücksichtigen. So werden alle Titel erfasst, denen eine Notation zugeordnet ist.


Beispiele

Entsprechend dem Prinzip der Serendipität stellte der Hamburger Kulturwissenschaftler Aby Warburg die Bücher seiner Bibliothek nach assoziativen Themennachbarschaften auf.

Ein weiteres Beispiel stellt die Kunstbibliothek im Sitterwerk (St. Gallen, Schweiz) dar. Die Buchaufstellung ist dort nicht statisch nach Signaturen geordnet, sondern dynamisch. Die Benutzer können Titel themenspezifisch oder assoziativ in den Regalen gruppieren. Ein nachfolgender Benutzer erhält dann aufgrund der von seinem Vorgänger hinterlassenen Anordnung die Möglichkeit, serendipische Entdeckungen zu machen. Mit Hilfe der RFID-Technologie können eine permanente Inventur durchgeführt und die „verstellten“ Titel wiedergefunden werden.

Im digitalen Bereich ist StackLife, ein Projekt der Harvard Library, ein sehr positives Beispiel, wie man möglichst große Teile des Bestandes in einem virtuellen Regal abbilden und Browsen ermöglichen kann, was wiederrum Zufallsfunde begünstigt. Hier werden die Titel entsprechend ihrer Notationen geordnet in einem stilisierten Bücherstapel abgebildet, wobei die Bibliothek bestrebt ist, auch den elektronischen Beständen Notationen zuzuordnen. Da ein Titel mehrere Notationen haben kann, kann er auch an mehreren Stellen des Stapels gefunden werden. Wird ein Titel ausgewählt, erhält der Nutzer zudem in Form von Hyperlinks eine Auswahl an Themengebieten, denen sich der Titel zuordnen lässt. Durch diese Zuordnungen eröffnet sich eine weitere Möglichkeit, serendipische Entdeckungen zu machen.


Literatur

Dynamische Ordnung. http://www.sitterwerk.ch/kunstbibliothek/dynamische-ordnung.html (28.1.2019).

Die Konstruktion von Zufall. https://www.f-21.de/downloads/f21_quarterly_q4_2017.pdf (17.1.2019).

Kunstbibliothek. http://www.sitterwerk.ch/kunstbibliothek.html (28.1.2019).

Lindner, Rolf: Serendipity und andere Merkwürdigkeiten. https://www.fbkultur.uni-hamburg.de/vk/forschung/publikationen/vokus/vokus201201/media/lindner-serendipity-vokus2012.pdf (17.1.2018).

Pfeffer, Magnus u. Katharina Schöllhorn: Praktische Nutzung von Klassifikationssystemen. In: Klassifikationen in Bibliotheken. Theorie - Anwendung - Nutzen. Hrsg. von Heidrun Alex, Guido Bee u. Ulrike Junger. Berlin: De Gruyter Saur 2018 (Bibliotheks- und Informationspraxis Band 53). S. 207–233.


Einzelnachweise

Dynamische Ordnung. http://www.sitterwerk.ch/kunstbibliothek/dynamische-ordnung.html (28.1.2019).

Die Konstruktion von Zufall. https://www.f-21.de/downloads/f21_quarterly_q4_2017.pdf (17.1.2019).

Kunstbibliothek. http://www.sitterwerk.ch/kunstbibliothek.html (28.1.2019).

Lindner, Rolf: Serendipity und andere Merkwürdigkeiten. https://www.fbkultur.uni-hamburg.de/vk/forschung/publikationen/vokus/vokus201201/media/lindner-serendipity-vokus2012.pdf (17.1.2018).

Pfeffer, Magnus u. Katharina Schöllhorn: Praktische Nutzung von Klassifikationssystemen. In: Klassifikationen in Bibliotheken. Theorie - Anwendung - Nutzen. Hrsg. von Heidrun Alex, Guido Bee u. Ulrike Junger. Berlin: De Gruyter Saur 2018 (Bibliotheks- und Informationspraxis Band 53). S. 207–233.

StackLife: http://stacklife.harvard.edu/

Wikipedia: Serendipität. https://de.wikipedia.org/w/index.php?oldid=178547513 (28.1.2019).